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DER VOLATE LEADERSHIP-BLOG

Gutes Wachstum fängt mit den richtigen Impulsen an

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Schatten der Macht

Macht löst Impulse aus, die wir gerne verdrängen. Scham. Neid. Größe. Das kostet Kraft. Sie zu integrieren gibt sie zurück.

Ich saß meinem Mitgeschäftsführer gegenüber und hörte zu. Er sprach. Das Publikum hing an seinen Lippen. Leicht, präsent, charismatisch – als wäre der Raum für ihn gemacht. Ich dachte: Oberflächlich. Niemand nimmt das ernst. Und wusste, dass ich mich gerade selbst belog. Tief darunter war etwas anderes. Kein Urteil. Eine tiefe Sehnsucht. Das würde ich auch gern können!

In meiner Coachingarbeit begegne ich diesem Moment ständig:

  • Eine CEO, die Mitarbeiter im Meeting klein macht – ohne zu merken, dass sie ihre eigene Scham nach außen trägt.
  • Ein Bereichsleiter, der jeden Konsens-Prozess innerlich verachtet – weil Verletzlichkeit für ihn nie sicher war.
  • Und ich selbst, die den Erfolg eines Kollegen klein machte – weil er eine Seite von mir lebte, die ich mir nie erlaubt hatte.

Drei Geschichten. Eine gemeinsame Struktur: Was wir an anderen am schärfsten verurteilen, zeigt unsere Schatten. Das, was wir uns selbst nicht zugestehen: abgetrennte Kraft. Wut. Ehrgeiz. Größe. Verletzlichkeit. Alles, wofür früher kein Platz war.

In diesem Blogartikel zeige ich dir, wie deine Schatten unter Macht wirken – und wie du sie in deine stärkste Ressource verwandelst.

Die Schatten sind nicht das Böse in dir

Schatten.

So nannte C.G. Jung jenen Teil der Persönlichkeit, den wir abgetrennt haben. Nicht weil er böse war. Sondern weil er irgendwann nicht passte. Zu gefährlich. Zu unbequem. Zu viel.

Das Problem: Dieser Teil verschwindet nicht. Er wartet. Und von dort – unterhalb der Bewusstseinsschwelle – steuert er dich weiter. Jung brachte das so auf den Punkt:

Solange wir das Unbewusste nichtbewusst machen, nennen wir es Schicksal."

Schatten sind meist keine Schwächen. Sie sind abgetrennte Kraft. Wut. Ehrgeiz. Größe. Verletzlichkeit. Alles, wofür früher kein Platz war. Und nirgendwo sind diese Schatten dichter, schwerer – und folgenreicher – als rund um Macht und all die Reaktionen, die sie in uns auslösen.

Schatten und Macht: Die verbotenen Impulse

Macht löst Impulse in uns aus, die wir nicht beim Namen nennen wollen. Die Lust, den Raum zu füllen. Den Neid, wenn jemand anderes größer wirkt. Den Wunsch, unersetzlich zu sein. Die heimliche Befriedigung,wenn andere scheitern – und du nicht. Du kennst diese Impulse. Auch wenn du schon früh gelernt hast, sie nicht zu zeigen.

Macht ist der Name, den man nicht spricht. Wie Voldemort – das Böse in Harry Potter, dessen bloße Nennung Angst auslöst – trägt Macht eine kollektive Last. Wer Macht will, gilt schnell als gefährlich. Wer Macht hat, lernt sie zu verstecken. Doch was wir nicht benennen, verschwindet nicht. Es wächst im Dunkeln.

Du hast Macht erlebt – als Kind, in Familien, in ersten Systemen. Manchmal als etwas, das dir weggenommen wurde. Manchmal als etwas, das du hattest – und das plötzlich zu viel war. Zu laut. Zu viel Raum. Zu bedrohlich für jemanden, der neben dir stand. Beides hinterlässt eine tiefe Prägung. Entweder: Macht verletzt mich. Oder: Meine Macht verletzt andere. Beide Prägungen führen zum gleichen Ergebnis – du hältst Abstand. Von der Energie der Macht und von dir selbst.

Dazu kommt die kulturelle Last. In vielen europäischen Kulturen gilt Machtstreben als moralisch verdächtig. Bescheidenheit ist Tugend. Wer Einfluss will, lernt früh, ihn zu verstecken – oder er wird als arrogant, egozentrisch, gefährlich wahrgenommen. Macht wollen, aber so tun, als ob nicht– das ist kein individuelles Versagen. Das ist kollektive Prägung.

Und schließlich: Macht liegt nah an der Aggression. Nicht der Aggression als Gewalt – sondern als Lebensenergie. Die Kraft, Raum einzunehmen, zu gestalten und bewegen. Weil diese Energie früh abgespalten wurde, wurde Macht gleich mit abgespalten.

Die Skepsis gegenüber Macht hat einen realen Kern. Macht korrumpiert – das ist keine Metapher. Je mehr Macht, desto größer die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs. Reife Macht braucht mehr Selbstkontrolle als fast jede andere Führungsleistung.

Die Frage ist nicht, ob diese Gefahr real ist. Sie ist es. Die Frage ist, ob du sie als Grund nimmst, Abstand zu halten – oder als Zumutung, die zu dir gehört.

Dein Urteil als Spiegel deiner Schatten

Es gibt Menschen, die dich auf eine bestimmte Art irritieren. Nicht einfach nerven. Sondern massiv stören. Etwas an ihnen löst eine Schärfe aus, die du selbst überraschend findest.

  • Die Kollegin, sie sich so selbstverständlich in den Vordergrund drängt.
  • Die Führungskraft, die Entscheidungen trifft, ohne lange zu fragen.
  • Der Mitarbeiter, der alle mitnehmen will – und damit den Prozess verlangsamt.

Du nennst es Arroganz. Rücksichtslosigkeit. Schwäche. Vielleicht. Aber schau nochmal hin. Was dich an anderen am stärksten stört, ist selten eine neutrale Beobachtung. Es ist ein Spiegel. Das Urteil zeigt nicht, wer dein Gegenüber ist – es zeigt, welchen Teil von dir du negierst.

Was du an anderen scharf verurteilst, hast du in dir selbst abgetrennt. Nicht weil es falsch ist. Sondern weil es früher keinen Platz hatte. C.G. Jung nannte das Projektion. Ich nenne es den präzisesten Kompass, den du für deine Schatten hast.

Zwei Fragen. Beantworte sie ehrlich.

  • Wen in deiner Führungsumgebung verurteilst du am schärfsten – und was genau stört dich?
  • Was willst du eigentlich – das du dir nicht erlaubst?

Die Antworten auf diese Fragen folgen einem Muster - mit zwei Richtungen.

Die zwei Gesichter der Abspaltung

Das erste Gesicht: Der Mensch, der Macht hat – und sie ablehnt. Du nimmst dich „nicht so wichtig“. Du sagst: „Ich entscheide nur, weil jemand es tun muss.“ Du redest jeden Einfluss mit einer schnellen Bescheidenheit herunter.

Doch dahinter steht keine echte Bescheidenheit. Du schützt dich davor, wirklich gesehen zu werden. Davor, dass dein Wille sichtbar wird. Davor, dass du Raum einnimmst – und dafür verantwortlich gemacht werden kannst. Die Ablehnung von Macht ist ein alter Schutzmechanismus, der sich als Haltung verkleidet hat. Eine Haltung, die alles ablehnt, was Raum einnimmt: Stärke, Wut, Größe, Sichtbarkeit, Triumph, Begehren.

Wenn du deine Macht innerlich ablehnst, verurteilst du Menschen, die ihre Macht offen zeigen. „Der ist so egozentrisch.“ „Die hört nur auf sich.“ „Der denkt, er kann einfach so entscheiden.“ Was du nicht siehst: Du verurteilst deine eigene unterdrückte Wirksamkeit. Dein scharfes Urteil ist Bewunderung – die sich nicht traut, sich als solche zu zeigen. Je härter das Urteil, desto größer die Sehnsucht dahinter.

Dein Urteil lautet: „Wer zu viel Raum einnimmt, schadet anderen.“
Die verdrängte Wahrheit: „Ich darf nicht zu groß werden.“


Das zweite Gesicht: Der Mensch, der Macht hat – und sich nur im Widerstand spürt. Du stellst sicher, dass du ganz oben bist. Du entscheidest. Du übernimmst Verantwortung – auch wenn das bedeutet, dass du sie anderenwegnimmst.

Doch auch das ist keine souveräne Macht. Du brauchst Reibung. Ohne sie weißt du nicht, ob du noch wirkst. Das ist keine Stärke – das ist eine Form von Angewiesensein, die du dir nie eingestehen würdest. Du schützt dich davor, verletzlich zu sein. Andere zu brauchen. Davor, dass es auch mal genug sein darf. Eine Haltung, die alles verachtet, was ohne Widerstand auskommt: Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Genügsamkeit, Kooperation, Scham.

Wenn du Reibung brauchst, um deine Macht zu spüren, verurteilst du Menschen, die ihre Macht im Miteinander realisieren. „Der ist so weich." „Die trifft keine Entscheidung alleine." „Der hängt an jedem Konsens." Was du nicht siehst: Du verurteilst deine eigene abgespaltene Verletzlichkeit. Dein Urteil über Schwäche ist harte Selbstkritik – nach innen gerichtet, aber nach außen entladen.

Dein Urteil lautet: „Wer keinen Druck macht, bewirkt nichts."
Die verdrängte Wahrheit: „Ich weiß nicht, wie ich ohne Druck wirke.“

Beide urteilen über das, was sie selbst nicht integriert haben. Der eine über Größe. Der andere über Verletzlichkeit. Beide über sich selbst.

Was Abspaltung kostet

Die Zauberer, die Voldemorts Namen nicht aussprechen wollten, machten ihn mächtiger – nicht kleiner. Genau das passiert mit deinen Schatten. Dein „So bin ich nicht." ist der Moment der Verzerrung. Nicht der Impuls selbst. Sondern die Verleugnung.

  • Der Einfluss, den du leugnest, wirkt hintenrum und als Mikromanagement.
  • Der Neid, den du nicht anschaust, wird zur Abwertung.
  • Die Scham, die du nicht aushältst, wird zu moralischer Strenge.
  • Die Verletzlichkeit, die du nicht zulässt, wird zu Aggression.
  • Die Abhängigkeit, die du nicht erträgst, führt zu Entfremdung von den Menschen.

Das ist keine Bosheit. Das ist Abwehr. Die Abspaltung deiner Schatten führt dich direkt in die Machtverzerrung. Du führst andere. Doch du selbst wirst von dem geführt, was du nicht siehst.

Du bist, was du wählst

Sirius Black sagt das so:

“Du bist kein böser Mensch. Du bist ein sehr guter Mensch, dem Böses widerfahren ist. Wir haben alle sowohl eine helle als auch eine dunkle Seite in uns. Es kommt darauf an, welche Seite wir für unser Handeln aussuchen. Das macht uns wirklich aus.”

Das ist kein Trost, sondern eine Zumutung. Denn es bedeutet: Du kannst dich nicht heraushalten. Du kannst nicht sagen: „So bin ich nicht." Du bist beides. Die Frage ist nicht, ob der dunkle Impuls in dir steckt – sondern was du mit ihm machst.

Am Ende stirbt Voldemort nicht durch Harrys Überlegenheit. Der Fluch, den er gegen Harry richtet, trifft ihn selbst. Das ist keine Fantasie.Das ist die präziseste Beschreibung nicht integrierter Macht, die ich kenne.

Integration heißt nicht: „Ich habe keine dunklen Impulse.“
Integration heißt: „Ich sehe meine Schatten. Ich kann mit ihnen umgehen. Ich agiere bewusst. Und ich übernehme Verantwortung für ihre Energie.“

Das verändert alles.

  • Dein Wunsch nach Einfluss wird zur direkten Wirkung, statt zum Mikromanagement im Verborgenen.
  • Dein Neid wird zur Ambition und zur Kraft, die dich in Bewegung bringt, statt andere klein zumachen.
  • Deine Scham wird zur Demut und bringt dich in Kontakt mit dem, was wirklich zählt, statt zur moralischen Strenge gegen andere.
  • Deine Verletzlichkeit wird zur Verbindung, statt zur Aggression, die niemand versteht.
  • Deine Abhängigkeit wird zur Beziehungsfähigkeit, statt zur Entfremdung von den Menschen, die du führst.

Das ist Erweiterung. Jeder Schatten, den du integrierst, gibt dir einen fehlenden Anteil zurück. Nicht als Schwäche, die du jetzt tolerierst. Sondern als Ressource, die deinen Handlungsspielraum vergrößert. Du wirst nicht weicher oder härter - du wirst vollständiger.

Reife Macht ist pure Menschlichkeit: Du siehst deine Impulse – auch die, die potenziell nach hinten losgehen können. Gerade die. Und du findest einen guten Umgang mit ihnen. Deine größte Gefahr unter Macht ist nicht dein dunkler Impuls. Es ist deine Weigerung, ihn als deinen eigenen anzuerkennen.

Deine Schatten lieben lernen

Schattenarbeit ist keine Methode, um dunkle Impulse in den Griff zu bekommen. Sie ist eine Einladung. Zurück zu dir. Jeder Schatten, den du integrierst, ist ein Teil von dir, der lange keinen Platz hatte – und jetzt Raum bekommt. Das verändert nicht nur, wie du führst. Es verändert, wer du bist.

Schritt 1: Den Schatten erkennen.

Was verurteilst du im Gegenüber – genau? Nicht allgemein. Sondern ganz konkret. Was ärgert dich so sehr, dass du innerlich scharf wirst? Dieses Urteil ist kein Zufall. Es zeigt dir, was in dir selbst keinen Platz hat.

Schritt 2: Den Schutz verstehen.

Wenn das ein Schatten ist – wann ist er entstanden? In welchem System, in welcher Beziehung, unter welchem Druck hat dieser Teil von dir gelernt, unsichtbar zu sein? Diese Verdrängung hat dich geschützt. Lange und gut sogar. Begegne ihr nicht mit Verurteilung – sondern mit Anerkennung: Danke für deinen Schutz. Du hast mir sehr geholfen - jetzt darf dieser Teil von mir frei sein.

Schritt 3: Den Mehrwert sehen.

Was wird möglich, wenn du diesen Anteil nicht länger bekämpfst – sondern als Ressource betrachtest? Der Neid, der dich antreibt, statt lähmt. Die Aggression, die Klarheit schafft statt zerstört. Die Abhängigkeit, die Verbindung ermöglicht statt Schwäche zeigt. Was wird in dir frei, wenn dieser Teil nicht mehr versteckt werden muss?

Schritt 4: Die Verkörperung.

Wie fühlt es sich an, wenn dieser Anteil kein Schatten mehr ist – sondern ein wertvoller Teil von dir? Nicht nur als Konzept. Sondern als Körpergefühl. Wo sitzt diese neue Freiheit? Was verändert sich in deiner Haltung, in deiner Stimme, indem, wie du einen Raum betrittst? Integration passiert nicht im Kopf. Sie passiert im Körper.

Schritt 5: Die neue Zukunft.

Wie sieht deine Macht aus, wenn dieser Anteil zu dir gehört? Was wird für dich möglich – und für die Menschen, die du führst? Welche Entscheidungen triffst du anders? Welche Gespräche führst du, die du bisher vermieden hast? Welchen Raum nimmst du ein, den du dir bisher nicht erlaubt hast?

Das ist keine Übung zur Lösung eines Problems. Es ist eine Selbst-Klärung: Wer bin ich – wenn ich aufhöre, Teile von mir weg zusperren?

Hier gibts mehr dazu…

Mut zur Macht: Die Zukunft gehört denen, die ihre Macht bewusst leben. Mut zur Macht heißt: dich selbst führen, mit anderen kraftvoll gestalten und das voll einbringen, wofür du wirklich stehst.

Triggerwarnung! Ein Blick. Ein Satz. Plötzlich kochst du innerlich – ohne zu wissen, warum. Getriggert. Genau hier beginnt dein Weg: Trigger verstehen, Reaktionen steuern, echte Führungspräsenz entwickeln.

Leading Myself
Leading my Team

Schluss mit der Flucht aus der Verant­wortung

Wenn du zu viel übernimmst oder Schuld verschiebst: Internalisierung & Externalisierung kosten dich Führung. So gewinnst du sie zurück.

Egal wie verantwortungsvoll wir uns erleben – erstaunlich oft kippt unser Verantwortungsbewusstsein ins Zuviel oder Zuwenig.

Das Phänomen heißt: Internalisierung und Externalisierung.

Filine ist Unternehmerin und stolz auf ihre wertschätzende Kultur. In ihrem Managementteam sitzt Michi. Er ist intelligent, detailorientiert, ein alter Vertrauter.

Seit einiger Zeit wächst ihre Unzufriedenheit. Michi hinterfragt alles, was sie ihm übergeben will. Filine antwortet, liefert Lösungen. Spätestens nach der dritten Runde folgt der immer gleiche Reflex: „Bevor wir hier ewig diskutieren, mache ich es lieber selbst.“

Im Moment fühlt sich das effizient, großzügig und auch ein Stück überlegen an. Doch immer mehr Aufgaben wandern zurück auf ihren Tisch. Kaum diskutiert Michi, übernimmt Filine. Ihr Frust wächst. „Warum kommt von ihm eigentlich nichts Eigenes?“ „Warum muss ich hier alles tragen?“ Und irgendwann taucht er auf: Der Gedanke an Trennung. Auf den ersten Blick klingt das gefährlich vernünftig: Ein Mitarbeiter performt nicht.

Bis wir genauer hinschauen.

1)    Filine hat Michis Probleme ungefragt zu ihren gemacht. Sie geht in die Überverantwortung. Das ist die
übermäßige Internalisierung
.

2)   Als der Stress wächst, dreht sie den Spieß um: Nun schiebt sie Michi die Schuld für ihre Überlastung in die Schuhe.  
Ein klassischer Fall übermäßiger Externalisierung.

Ein einfaches – und leider sehr häufiges – Muster, das Führungsbeziehungen nachhaltig vergiftet.

Wenn Verantwortung kippt

Übermäßige Internalisierung und Externalisierung begegnen dir im Führungsalltag ständig. Beides sind Versuche, mit Überforderung umzugehen – unbewusst und kurzfristig entlastend.

Internalisierung

Internalisierung bedeutet: Du verinnerlichst äußere Regeln, Erwartungen oder Bewertungen und integrierst sie in deine Identität. Was früher von außen kam – „So solltest du sein.“ „Das darf man nicht.“ –  wird zu deiner inneren Stimme. Damit kannst du dich selbst regulieren. In ihrer gesunden Form ist Internalisierung ein zentraler Reifungsprozess deiner Identität. All unsere inneren Normen: Unsere Werte, unser Gewissen und unser Verantwortungsgefühl entstehen so.

Wenn aus Verantwortung Schuld wird

Problematisch wird die Internalisierung, wenn du anfängst,Verantwortung zu übernehmen, die nicht in deinem Einfluss liegt. Wenn dein ganzer Stolz auf Maßstäben basiert, die unerreichbar sind:

  • „Nur wenn ich alles mache, funktioniert mein Team.“
  • „Nur ich kann die schwierigen Themen lösen.“
  • „Ich muss dafür sorgen, dass es allen gut geht.“

In starken Momenten fühlt sich das machtvoll an. „Ich schaffe alles.“, „Ich sorge mich um alle.“  –  diese Selbstüberhöhungen sind typisch für den Kampf- und Erstarren-Modus, also für Führung, die Kontrolle über Leistungsdruck oder Unentbehrlichkeit sucht.

Doch es ist unmöglich, alles im Griff zu haben. Jedes Mal, wenn du deine übermenschlichen Maßstäbe verletzt, entsteht ein Gefühl persönlicher Schuld. Unangemessen - und doch sehr real. Diese Schulderzeugt eine trügerische Kontrolle:  Solange ich für alles verantwortlich bin, habe ich zwar an allem Schuld – aber ich bin nicht ausgeliefert. Wenn ich schuld bin, habe ich Einfluss. Das fühlt sich sicherer an, als zu akzeptieren, dass andere Menschen eigenständig sind – und eigene Entscheidungen treffen.  

Auch Filine lebte aus diesem Selbstverständnis: „Wenn sich die anderen unsicher fühlen, dann ist das meine Schuld. Dann muss ich einspringen.“ Typisch für einen Leader im Erstarren.

Soweit zum inneren Mechanismus - aber wie zeigt er sich im Führungsalltag?

Wie Internalisierung im Führungsalltag sichtbar wird

Übermäßige Internalisierung wird sichtbar, wenn du Verantwortung zurückholst, die eigentlich bei jemand anderem liegen sollte. Typisch sind Sätzen wie:

  • „Das ist zu komplex für XY – das mache ich lieber selbst.“
  • „Mein Team hat schon genug zu tun – ich übernehme das schnell.“
  • „Bevor wir das ewig diskutieren, erledige ich es einfach.“

Auf den ersten Blick wirkt das effizient und durchsetzungsstark. Doch in Wahrheit umgehst du innere Spannungen. In dem du die gesamte Last auf deine Schulten nimmst,

  • reduzierst du deine Angst: Was, wenn mein Feedback nicht gut ankommt?
  • meidest du Konfrontation: Was, wenn mein Gegenüber andere Prioritäten sieht?
  • vermeidest du Selbstprüfung: Was, wenn ich mich bei der Rollenverteilung geirrt habe?

Das ist die Entlastungsfunktion der Internalisierung: Solange du alles übernimmst, vermeidest du die gemeinsame Aushandlung.

In Filine lösten die vielen Fragen von Michi Spannungen aus. Sie interpretierte Fragen als Unsicherheit – nicht als Sorgfalt. Dabei wollte Michi eigentlich nur sicherstellen, dass sie wirklich das gleiche Verständnis hatten.

Externalisierung

Auch die Externalisierung ist ein wichtiger Bestandteil reifer Verantwortung: Du verortest Ursachen, Verantwortung oder Schuld dort, wo sie faktisch liegen – und das ist in vielen Fällen außerhalb von dir. Damit ist die Externalisierung der gesunde Ausgleich zur Internalisierung. Sie hilft dir, Grenzen zu setzen und deinen Circle of Influence zu klären:

  • Dein Verhalten kann Gefühle auslösen – aber du bist nicht verantwortlich für sie.
  • Etwas ist schief gegangen - weil jemand anderes sein Versprechen nicht gehalten hat.
  • Du hast alles versucht, aber die Rahmenbedingungen waren tatsächlich schwierig.

Wenn die Schuld nach außen wandert

Problematisch wird die Externalisierung, wenn du anfängst, anderen Verantwortung und Schuld zu zuschieben, die eigentlich in deinem Einfluss liegen sollte. Zur übermäßigen Externalisierung führen zwei Wege. Sie kann Teil deiner Identitätsstruktur sein - oft ist sie aber auch die Eskalation nachlanger Überverantwortung.  

Externalisierung als Identitätsstruktur

Bei der übermäßigen Externalisierung stabilisierst du dein Selbstbild, indem du innere Spannungen – Schuldgefühle, Zweifel, Scham – nachaußen richtest, statt sie für dich selbst zu klären. Dein innerer Satz lautet nicht mehr: „Ich habe einen Anteil - und damit muss ich umgehen.“ Sondern: „Die anderen sind das Problem.“  

Typische Gedanken der Externalisierung sind:

  • „Die anderen sind unfair.“
  • „Die ist schuld daran, dass es mir nicht gut geht.“
  • „Die Rahmenbedingungen sind das Problem.“
  • „Solange XY nicht… kann ich hier nichts tun.“

Externalisierung schützt dich vor einer besonders schmerzhaften Emotion: Scham. Deine Scham sagt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“  Und deine Externalisierung antwortet: „Mit mir ist alles in Ordnung – das Problem liegt woanders.“ Typisch für den Flucht-Modus. Kurzfristig stabilisiert dich das: du musst dich nicht hinterfragen und bleibst stark. Doch langfristig entsteht Ohnmacht. Wer Verantwortung dauerhaft abwehrt, verliert Gestaltungsspielraum und damit seine Macht.

Externalisierung als Eskalation

Oft ist Externalisierung aber auch das Endspiel übermäßiger Internalisierung. Lange hast du allein dafür gesorgt, dass das Team läuft und die Stimmung stabil bleibt. Was als besonderes Verantwortungsbewusstsein begann, kippt in Erschöpfung. Mit der Erschöpfung wächst die Wut. Irgendwann platzt dir der Kragen - du kannst die Spannung nicht mehr ertragen. Dein Nervensystem sucht einen Ausweg – und findet ihn in Vorwurf, Schuldzuweisung und Anklage:

  • „Ich halte das zusammen.“ wird zu „Warum setzt sich hier sonst niemand ein?“
  • „Ich mache das schon.“ wird zu „Immer muss ich alles allein machen.“
  • „Ich darf niemanden belasten.“ wird zu „Die anderen hängen sich einfach nicht rein.“

So wie bei Filine: Viel zu lange hatte sie Michi geschützt. Nun reichte es. Am liebsten hätte sie ihm seine Unfähigkeit um die Ohren gehauen.

Im ersten Moment fühlt sich das angemessen an. Du hast soviel für die anderen übernommen. Nun kannst du einfach nicht mehr. Doch deine Anklage löst das Problem nicht – sie verschärft es. Denn dessen Ursache lag nicht im mangelnden Engagement der anderen – sondern in der ungeklärten, von dir selbst unangemessen ausgeweiteten Verantwortung.

Wie Externalisierung im Führungsalltag sichtbar wird

Externalisierung beginnt im Alltag oft subtil - mit kleinen Verschiebungen unserer Zuständigkeit: „Dafür bin ich nicht zuständig.“ „Der Vorstand blockiert.“ „ICH habe es ja gesagt.“ Diese Aussagen können sachlich richtig sein. Doch wenn sie zur Standardantwort werden, positionierst du dich systematisch außerhalb des Problems. Ein weiteres Muster ist die Weitergabe von Entscheidungen: „Das muss HR entscheiden.“, „Das muss der Beirat entscheiden.“ „Das muss der Markt regeln.“ Statt selbst zu klären, reichst du weiter oder eskalierst.

Aus diesen Verschiebungen entstehen Narrative und Schuldzuweisungen:

  • „Wir hätten ja liefern können, aber XY hat das verhindert.“
  • „Ich würde das Thema angehen, aber der Vorstand blockiert uns.“
  • „Wir könnten innovativer sein, aber in dieser Kultur ist das unmöglich.“

Das Muster ist immer gleich: Erst positionierst du dich als handlungsbereit. Dann folgt das „aber“. Und mit dem „aber“ wechselt Verantwortung den Besitzer. Du bleibst derjenige, der wollte. Die anderen sind die, die verhindert haben. So entsteht ein geschlossenes Opfernarrativ mit klarer Schuldzuweisung.

Das Paradoxe: Du glaubst, deine Grenzen zu verteidigen, in Wahrheit reduzierst du deinen Einfluss. Denn Verantwortung ist immer auch Macht. Und wer sie dauerhaft nach außen verschiebt, verliert sie.

Die Kosten für deine Organisation

Übermäßige Internalisierung und Externalisierung sind keine rein persönlichen Muster. Sie formen dein System - schneller, als es dir lieb ist.

Beziehungsmacht

Wenn du dauerhaft internalisierst, überlastest du dich nicht nur konsequent, sondern machst dein Team abhängig von dir. Dein Gegenüber lernt: Du regelst das schon. Initiative sinkt, Konflikte werden unterdrückt, Verantwortung wandert nach oben. Deine übermäßige Internalisierung wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Irgendwann hast du tatsächlich ein Team, dass sich nichts mehr zutraut - und das nicht ausreichend Kompetenz aufgebaut hat.

Wenn du dauerhaft externalisierst, entlastest du dich zwar kurzfristig. Langfristig entsteht jedoch eine starke Verteidigungshaltung. Dein Gegenüber lernt: Fehler sind gefährlich. Schuld wird verteilt. Absicherung wird wichtiger als Initiative. Das Resultat ist vorhersehbar: Initiative sinkt, Entscheidungen verlangsamen sich, Energie fließt in die Absicherung statt in die Lösungsfindung.

In beiden Fällen schwindet etwas Entscheidendes: Vertrauen. Und ohne Vertrauen gibt es keine Beziehungsmacht. Dein Team arbeitet vielleicht noch für dich. Aber nicht mehr mit dir.

Gestaltungsmacht

Noch gravierender sind die organisatorischen Folgen. Übernimmst du dauerhaft zu viel, entsteht erlernte Hilflosigkeit. Übernimmst du dauerhaft zu wenig, entsteht Orientierungslosigkeit. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das gleiche: langsame Entscheidungen, diffuse Zuständigkeiten, eskalierende Konflikte, sinkende Eigeninitiative.  Mitder Zeit wird dein persönliches Muster zur Kultur. Unbewusst schaffst du eine Organisation, in der niemand klar verantwortlich ist, Fehler reflexhaft vermieden werden, und die Schuldfrage wichtiger ist als Eigeninitiative.

Dann ist deine Internalisierung oder Externalisierung ein strukturelles Problem geworden, das du unbewusst mitgebaut hast.

Deinen realen Einflussbereich annehmen

Reife Eigenverantwortung entsteht, wenn du dir klar machst, wo dein Einfluss tatsächlich beginnt – und wo er endet. Und wenn du für diesen Bereich konsequent einstehst, selbst dann, wenn innere Anspannung entsteht. Sie beantwortet 3 Fragen:

  • Was ist mein Circle of Influence – was steht wirklich in meiner Macht?
  • Wo setze ich klare Grenzen - und welche Grenzen akzeptiere ich?
  • Wie halte ich die Spannung aus, die echte Eigenverantwortung mit sich bringt?

Reife Verantwortung kennt den realen Circle of Influence. Das ist der Handlungs- und Entscheidungsbereich, in dem du bestmöglich wirksam werden kannst. Hier steuerst du dein Verhalten, triffst Entscheidungen, setzt Prioritäten und kommunizierst klar. Reife Eigenverantwortung bedeutet nicht Ausdehnung. Sie bedeutet Klarheit. Nicht jede Verantwortung, die du übernehmen kannst, sollte deine sein. Nicht jede Irritation verlangt Intervention. Du kannst nicht die Gefühle anderer kontrollieren, nicht jede Reaktion beeinflussen und nicht allein das gesamte System stabilisieren.

Reife Verantwortung setzt und akzeptiert angemessene Grenzen – ohne dich kleiner zu machen und ohne dich größer zu fühlen, als du bist. Du übernimmst, was in deinem Einfluss liegt und du lässt los, was außerhalb davon liegt. Selbstbegrenzung ist kein Rückzug. Sie ist Souveränität. Gleichzeitig erkennst du auch die Grenzen der anderen an. Wo dein Einfluss endet, beginnt der eines anderen. Reife Eigenmacht respektiert diese Grenze.

Reife Verantwortung erzeugt Spannung. Du kannst Einfluss nehmen – aber kein Ergebnis garantieren. Manches wird scheitern –trotz deines Einsatzes. Du hältst diese Spannung aus. Du prüfst, was wirklich ansteht – und entscheidest bewusst, statt reflexhaft in Überverantwortung oder Schuldzuweisung zu reagieren.

Und was ist der Lohn dieser inneren Arbeit?

Reife Verantwortung entlastet. Wer im Rahmen seines realen Circle of Influence handelt, muss weder alles tragen noch alles abwehren. Weder Selbstüberhöhung noch Opferhaltung bestimmen sein Handeln. Das fühlt sich ruhig und klar an.

Wenn du angemessen Verantwortung trägst, wirst du gelassen und weniger reaktiv. Entscheidungen werden klarer. Deine Führung wird souverän. Und damit ordnet sich auch dein Umfeld: Rollen klären sich, Verantwortungsräume werden deutlicher, Überlastung und Schuldzuweisung nehmen ab.

Nicht, weil du alles kontrollierst. Sondern weil du dich auf deinen Einfluss konzentrierst. Das ist reife Verantwortung in der Eigenmacht

3 Schritte zur reifen Verantwortung

Der Weg aus der übermäßigen Internalisierung und Externalisierung ist ein Prozess in drei Schritten.

Schritt #1: Erkennen – Dein Muster durchschauen

Dein Bewusstsein ist dein erster und wichtigster Hebel. Nur wenn du dein Muster erkennst, kannst du dich selbst führen. Frage dich:

  • Wo übernehme ich regelmäßig zu viel?
  • Wo schiebe ich Verantwortung reflexhaft weg?
  • Welche Situationen lösen Inter-und Externalisierung aus?
  • Welche Angst oder Spannung meide ich dabei?
  • Was liegt real in meinem Circle of Influence?

Suche auch nach Frühwarnzeichen:

  • Welche typischen Sätze, kündigen meine Internalisierung oder Externalisierung an? Z.B. „Ich mache das schnell selbst.“ „Dafür bin ich nicht zuständig.“
  • Was für ein Körpergefühl stellt sich dann ein: Anspannung. Ungeduld. Ärger. Druck?

Diese Signale sind wie das Glöckchen im Tante-Emma-Laden. Ihre Botschaft: Halt, Stopp. Jetzt bitte nicht einfach weitermachen, sondern Innehalten.

Schritt #2: Innehalten – Spannung aushalten

Wenn dein „Glöckchen“ läutet, halte inne. Nicht einfach weitermachen, sondern tief durchatmen, dich einen Moment zurückziehen und wahrnehmen, was gerade passiert. Stelle dir eine zentrale Frage: Was ist hier wirklich meine Verantwortung? Vertiefe sie:

  • Für Internalisierer: Gehört das tatsächlich in meinen Circle of Influence?
  • Für Externalisierer: Wo wehre ich gerade meinen Anteil ab?

Prüfe schließlich nüchtern:

  • Wo liegt mein realer Circle of Influence in diesem Moment?
  • Versuche ich gerade, Druck los zuwerden?
  • Was wäre eine klare, erwachsene Entscheidung?

Reife Verantwortung entsteht genau in diesem Moment zwischen Reiz und Reaktion.

Schritt #3: Entscheiden – Verantwortung klar markieren

Erst wenn du deine innere Klarheit gefunden hast, handelst du. Du übernimmst, was in deinem Einfluss liegt. Und du lässt los, was nicht dort liegt. Im Kontext mit deinem Gegenüber bedeutet das:

  • Du benennst die jeweilige Verantwortung explizit
  • Du formulierst klare Erwartungen
  • Du machst Grenzen sichtbar

Der schwierigste Teil ist nicht die Analyse. Es ist die Klarheit. Denn hier zeigst du dich. Du setzt Grenzen und akzeptierst auch ein mögliches Nein. Sei dabei nicht perfekt – sondern aufrichtig. Eine angemessene Verteilung von Verantwortung erschöpft nicht – sie entlastet. Dich und dein Gegenüber.

Zurück zu Filine

In unserer Arbeit wurde Filine schnell klar: Ihr eigentliches Problem war nicht Michi. Es war ihre ständige Überverantwortung. Solange sie ihn entlastete, konnte er keine Verantwortung übernehmen und keinen Entscheidungen treffen.

Statt ein Kündigungsgespräch bereitete sie nun ein Klärungsgespräch vor:
„Ich habe dir in den letzten Monaten zu viel abgenommen.Das war mein Anteil. Ich möchte, dass du diese Verantwortung wie abgesprochen vollständig übernimmst – inklusive aller Entscheidungen und Konsequenzen.“

Michi fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Das ständige Mikromanagement von Filine konnte er bei aller Freundschaft nur schwer ertragen. Endlich durfte er in die Verantwortung gehen, für die er angetreten war. Und endlich war diese Verantwortung geklärt. Schnell entstand eine neue Dynamik. Michi begann, eigene Entscheidungen zu treffen. Filine griff weniger ein. die Spannung zwischen den beiden löste sich auf. Entlastung auf beiden Seiten.

Das ist reife Verantwortung: Klar annehmen, was deins ist – und abgeben, was nicht dazugehört. Und damit Raum für dein Gegenüber schaffen. Reife Verantwortung ist kein moralischer Anspruch. Sie ist Führungsreife.

TL;DR

Egal wie verantwortungsvoll wir uns erleben – erstaunlich oft kippt unser Verantwortungsbewusstsein ins Zuviel oder Zuwenig.

Übermäßige Internalisierung – das Zuviel – passiert, wenn du Verantwortung zurückholst, die eigentlich bei jemand anderem liegen sollte. Im Alltag zeigt sie sich in Rückübernahme, Mikromanagement und scheinbar fehlendem Vertrauen in dein Gegenüber.

Übermäßige Externalisierung – das Zuwenig – passiert, wenn du anderen Verantwortung und Schuld zuschiebst, die eigentlich in deinem Einfluss liegen. Im Alltag zeigt sie sich in Rechtfertigungen,Schuldzuweisungen und Anklagen.

Beides entlastet kurzfristig: Wir vermeiden Spannung, behalten Kontrolle, umgehen schwierige Gefühle. Doch beides schwächt langfristig deine Führung. Internalisierung schafft Abhängigkeit. Externalisierung erzeugt Abwehr. In beiden Fällen sinken Vertrauen und Eigeninitiative.

Reife Verantwortung beginnt mit einer nüchternen Frage:
Was liegt wirklich in meinem Circle of Influence – und was nicht?

Sie entsteht in drei Schritten:

  • Erkennen – Dein Muster durchschauen.
    Wo übernimmst du zu viel? Wo schiebst du weg?
  • Innehalten – Spannung aushalten.
    Nicht reflexhaft handeln, sondern prüfen: Was ist hier wirklich mein Anteil?
  • Entscheiden – Verantwortung klar markieren.
    Übernehmen, was in deinem Einfluss liegt. Loslassen, was nicht dort liegt.

Verantwortung ist immer auch Gestaltungsmacht. Wer sie reflexhaft an sich zieht oder von sich stößt, verliert sie. Wer sie bewusst begrenzt, gewinnt Souveränität.

Viel Spaß beim Umsetzen.

Und nun zu dir!

  • Wo übernehme ich aktuell Verantwortung, die eigentlich nicht in meinem Einfluss liegt – und warum?
  • Wo schiebe ich Verantwortung oder Schuld nach außen, obwohl ich Gestaltungsspielraum hätte?
  • Welche Spannung versuche ich gerade zu vermeiden – Überforderung, Konflikt, Unsicherheit oder mögliche Fehler?
  • Wie sieht reife Verantwortung innerhalb meines realen Circle of Influence aus?

Hier gibts mehr dazu…

Drei Gesichter der Selbstsabotage (1): DerKampf. Stark, kontrolliert, unermüdlich. Doch im Kern: Erschöpft. Deine„Kampf“-Glasdecke hält dich fest – bis du den Mut findest, los zulassen. Denn wahre Stärke ist Gelassenheit, nicht Druck.

Drei Gesichter der Selbstsabotage (2): Die Flucht. Inspirierend. Beweglich. Visionär. Doch im Kern: Rastlos. Deine„Flucht“-Glasdecke raubt dir Tiefe und Verbindlichkeit. Durchbrich sie – und finde echte Präsenz.

Drei Gesichter der Selbstsabotage (3): Freeze. Stabil. Verlässlich. Angepasst. Doch im Kern: eingefroren. Deine „Freeze“-Glasdecke raubt dir Lebendigkeit und Energie. Erlaube dir groß zu sein UND Verbundenheit zu spüren.

Leading Myself
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Rheinisches Grundgesetz: Eine Schule reifer Macht

„Et es wie et es.“ Reife Macht beginnt nicht mit Optimismus, sondern dort, wo Selbstbetrug endet und Verantwortung bleibt.

Karneval steht vor der Tür. Fünfte Jahreszeit, Ausnahmezustand, kontrollierter Kontrollverlust.  Die meisten lesen das Rheinische Grundgesetz als humoristischen Brauchtums-Kitsch.

Ich lese es als Handbuch Reifer Macht.

Wer Verantwortung trägt, weiß: Reife Macht ist keine Technik, die man anwendet. Sie ist die Fähigkeit, der Wirklichkeit stand zuhalten, ohne sich selbst zu verlieren. In der Macht bedeutet das: Nicht in den Kampf gehen, nicht flüchten, nicht erstarren. Sondern bleiben.

Reife Macht ist eine Haltung, die sich in der Reibung mit der Realität beweist. Das Rheinische Grundgesetz mit seinen 11 Artikeln beschreibt genau diese Haltung: Lakonisch, unaufgeregt, wirksam.

Eine Einladung, deine Macht unter den Bedingungen der Realität neu zu verankern - und das mit viel Humor.

Die 11 Artikel des Rheinischen Grundgesetzes

Das Rheinische Grundgesetz ist eine über Generationen gewachsene Sammlung von Lebensweisheiten.

Was oft als bloße Folklore oder Kneipen-Humor abgetan wird, ist bei genauerem Hinsehen ein Destillat gelebter Krisenfestigkeit. Es ist die kollektive Antwort einer Region, die gelernt hat, mit Brüchen, Besatzungen und Veränderungen umzugehen, ohne die eigene Gestaltungsmacht zu verlieren.

Reife Macht ist oft schwere Kost – doch diese 11 Artikel zeigen, mit welcher Leichtigkeit wir sie leben können. Die Prise Humor ist hier keine Flucht, sie ist gelassene Souveränität in R(h)einkultur.

Hier sind die 11 Artikel – neu gelesen für Menschen mit Macht.

Artikel 1: Et es wie et es.

Es ist, wie es ist.

Das Ende des Selbstbetrugs.

Reife beginnt dort, wo du aufhörst, mit der Realität zu verhandeln oder sie innerlich weich zu zeichnen. Wer die Dinge erst einmal so annimmt, wie sie sind, gewinnt die notwendige Bodenhaftung, um sie tatsächlich zu gestalten. Alles andere ist Energieverschwendung im Widerstand gegen das Unvermeidbare.

Artikel 2: Et kütt wie et kütt.

Es kommt, wie es kommt.

Du kontrollierst nicht die Zukunft - du kontrollierst deine Ver-Antwortung.

Reife Führung wartet nicht auf die perfekte Sicherheit, bevor sie sich bewegt, sondern vertraut auf die eigene Präsenz im Moment. Sie entscheidet unter Unsicherheit und trägt das Ergebnis – ohne Ausrede und ohne den Schutz einer Rechtfertigung.

Artikel 3: Et hätt noch immer jot jejange.

Es ist noch immer gut gegangen.

Kein billiger Optimismus, sondern das Wissen um die eigene Tragfähigkeit.

Wahre Souveränität wächst nicht aus der Abwesenheit von Gefahr, sondern aus der Erfahrung, Krisen ohne Integritätsverlust durchstanden zu haben. Es ist die Gewissheit, dass dein inneres Fundament auch dann hält, wenn alle äußeren Stricke reißen und deine bisherigen Strategien an ihr Limit stoßen.

Artikel 4: Wat fott es, es fott.

Was weg ist, ist weg.

Reife Macht bindet keine Energie an die Geister der Vergangenheit.

Jeder Blick zurück, der mit Reue oder Vorwurf geführt wird, entzieht dir im die notwendige Kraft. Wahre Souveränität zeigt sich im radikalen Abschluss: Wer loslässt, gewinnt den Raum und die Aufmerksamkeit zurück, um im Hier und Jetzt wirklich wirksam zu sein.

Artikel 5: Et bliev nix wie et wor.

Es bleibt nichts, wie es war.

Nüchterne Realitätsbeschreibung statt verzweifelter Appell.

Reife Führung klammert sich nicht an vermeintliche Stabilitäten, die längst keine mehr sind. Sie kämpft nicht gegen den Wandel, sondern bleibt in der Bewegung präsent und nutzt die neue Realität als gestaltbare Fläche.

Artikel 6: Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.

Kennen wir nicht, brauchen wir nicht.

Das ist angewandte Unterscheidungsfähigkeit und Schutz vor dem Rauschen der Welt.

Nicht jeder Trend verdient deine Aufmerksamkeit. Wahre Souveränität zeigt sich im Mut zum Nein, ohne die Angst, etwas Wesentliches zu verpassen.

Artikel 7: Wat wellste maache?

Was willst du machen?

Die Antwort auf das Unabänderliche.

Nicht alles ist lösbar, gerecht oder fair, aber alles fordert eine Haltung von dir. Reife antwortet der Situation mit dem, was möglich ist, statt die eigene Energie im Beklagen des Unmöglichen zu verbrennen.

Artikel 8: Maach et god, ävver nit zo off.

Mach es gut – aber nicht zu oft.

Selbstausbeutung ist kein Ehrenabzeichen, sondern ein Zeichen mangelnder Selbstführung.

Wer dauerhaft die Führung übernehmen will, muss sich selbst regulieren, statt sich im Aktionismus zu verlieren. Qualität braucht den Moment des Innehaltens, damit Macht nicht zur bloßen Anstrengung verkommt.

Artikel 9: Wat soll dä Kwatsch?

Was soll der Unsinn?

Die Frage, die Wesentliches von Lärm trennt.

Reife Systeme verheddern sich nicht in Nebenschauplätzen oder strategischen Alibis. Sie reduzieren die Komplexität auf den Kern dessen, was wirklich zählt – und handeln dann konsequent aus dieser Mitte heraus.

Artikel 10: Drinks de eine met?

Trinkst du einen mit?

Macht trägt man nicht allein, auch wenn die Rolle oft einsam macht.

Wer glaubt, Autarkie sei der Preis der Führung, wird unweigerlich rigide oder taub. Reife braucht die Begegnung auf Augenhöhe als notwendiges Korrektiv, um die eigene Wahrnehmung immer wieder an der Resonanz anderer zu eichen.

Artikel 11: Do laachs de disch kapott.

Da lachst du dich kaputt.

Humorist der radikale Perspektivwechsel unter Druck.

Wer über die eigene Fehlbarkeit lachen kann, ohne zynisch zu werden, behält den entscheidenden inneren Spielraum. Es ist dieser Raum, der darüber entscheidet, ob deine Macht das System erstickt oder es atmen lässt.

Viel Spaß bei der Umsetzung!

Und nun zu Dir!

Ich lade dich ein, die Karnevalstage für eine nüchterne Inventur zu nutzen. Nicht als Übung, sondern als Standortbestimmung deiner eigenen Reife.

  • Welcher dieser Artikel löst bei dir den stärksten Widerstand aus und wo weist du diese Erkenntnis gerade noch von dir?
  • Wo nennst du es in deinem Umfeld noch „Optimismus“, obwohl es längst eine Realitätsverweigerung ist, die deine Führung behindert?
  • In welchen Momenten flüchtest du dich in Kontrolle oder Aktivismus, weil du die unmittelbare Reaktion deines Gegenübers oder die Stille im Raum nicht aushältst?
  • Was kostet es dein System, wenn du nicht in die volle Verantwortung gehst, sondern darauf wartest, dass die Umstände sich von selbst korrigieren?

Klarheit ist eine Zumutung. Sie ist aber auch der einzige Boden, auf dem reife Macht wachsen kann.

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