Die Welt um uns herum scheint aktuell durchzudrehen.
Morgens warten wir immer wieder auf den neuesten Trump und die neuesten Absurditäten aus dem MAGA-Land. Gleichzeitig erleben wir ein Europa, das erst langsam aus einer Phase der Lethargie erwacht.
Zwei toxische Extreme – und wir als Leader und Unternehmer mittendrin.
Wie wollen wir zwischen diesen beiden Extremen führen?
Wie können wir durch unsere Führung einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten – einer Welt, in der wir nachhaltiges Wachstum aus uns selbst heraus schaffen?
Meine Antwort:
Indem wir in unseren Teams und Unternehmen eine Kultur schaffen, in der Menschen – wie es Bodo Janssen wunderbar formuliert – „abends aufrechter nach Hause gehen, als sie morgens gekommen sind.“
Eine Wachstumskultur, die sich sowohl der amerikanischen MAGA-Manie als auch der europäischen Lethargie entgegenstellt. Die Menschen empowert und ihnen Zuversicht gibt.
Aktuell erleben wir einen Riss, der durch die globale Gemeinschaft geht und zwei toxische Extreme schafft.
Auf der einen Seite stehen viele europäische Länder, allen voran das Deutschland der letzten Jahre – und bis zur Wiederwahl von Trump: auch die USA.
Hier ist eine „Führungsform“ entstanden, die Peter Sloterdijk bereits 2013 – also schon vor zwölf Jahren – treffend als Lethargokratie bezeichnet hat: Eine Herrschaft der Teilnahmslosigkeit und Trägheit, die sich durch die ganze Gesellschaft zieht – Politik, Unternehmen, Menschen.
Ihre Kennzeichen:
Mutloses Herumdoktern an den Problemen, die sich immer weiter auftürmen. Wachsende Resignation angesichts der Polykrise: „Das kann doch keiner schaffen!“ Zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den Errungenschaften der Demokratie. Jammern und AfD wählen ist für viele der einzige „Beitrag“ zu den Problemen dieser Zeit.
Der Kampf zwischen politischen Lagern wird immer erbitterter. Das Scheitern der letzten Regierung lag nicht nur an der Zerstrittenheit der Koalitionspartner, sondern auch an internen Grabenkämpfen.
Entstanden ist eine Gesellschaft, die sich im Schutz der Partialinteressen verheddert: Die Gruppen, die besonders bedacht werden müssen, werden immer kleinteiliger. Und die Regelwerke, die all diese Interessen absichern sollen, immer komplexer. Das Ergebnis: Überbordende Regulierung und lähmende Bürokratie.
Gleichzeitig werden zentrale Zukunftsthemen verdrängt: Rente, Verteidigung, Migration, Infrastruktur. Während man sich in immer detaillierteren Paragrafen verliert, verschwindet die Zukunft aus dem Blickfeld. Die Reaktion: Schuldzuweisungen und kollektive Prokrastination.
Das Ergebnis der Lethargokratie: Stagnation – bis hin zumSchrumpfen.
Es greift zu kurz, die Schuld allein der Politik zuzuschieben. Auch in vielen Unternehmen herrscht ein gefährliches „Weiter so“. Ein Ausruhen auf den Lorbeeren der Vergangenheit.
Und es gibt noch ein zweites Ergebnis der Lethargokratie: den Übergang in das andere Extrem.
Die MAGA-Manie
Wir sehen es in den USA, wir sehen es in Brasilien. Wir sehen es im Erstarken der AfD.
Make (whatever you want) Great Again.
Wer sich in der Realität verloren fühlt, sehnt sich nach einem starken Retter. Ein Heilsbringer, der all diese Probleme einfach wegzaubert – der uns das Gefühl von Stärke zurückgibt.
Auch in Unternehmen existiert diese Sehnsucht nach dem einen glorreichen Helden, der die Naturgesetze des Wachstums außer Kraft setzt und in kürzester Zeit riesigen Reichtum schafft.
Wie sonst ließe sich der absurde Aufstieg (und tiefe Fall) von Unternehmen wie Wirecard oder der Signa-Gruppe erklären?
Die Charakteristika der MAGA-Manie:
Die Basis ist eine groteske Selbstüberschätzung und der Größenwahn ihrer Anführer. Realität und ihre Gesetze? Werden ignoriert oder gleich abgeschafft. Klimawandel? Rassendiskriminierung? Weg damit. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“
Wer diese simplifizierte Weltsicht nicht teilt oder Widerspruch wagt, wird aus dem System ausgeschlossen. Wie alle haben alle die Demütigung von Selenskyj durch Trump und Vance vor Augen. Neue Feindbilder werden erschaffen – denn nichts eint eine Gruppe leichter als ein gemeinsamer Gegner und eine klar definierte Dominanzkultur.
Ein differenzierter Blick auf die Welt ist anstrengend – man müsste sich ja selbst hinterfragen.
Also weg mit den Grautönen, her mit dem Schwarz-Weiß-Denken. Mann und Frau: Ja.LGBTQIA2S+? Weg damit. Was nicht sofort verständlich ist, hat in diesem System keinen Platz.
Das Ganze funktioniert natürlich nur mit einem extrem vereinfachten Weltbild, das alle auf Spur bringt. Das perfekte Werkzeug: Fake News. Sie verwandeln Fantasie in „Fakten“.
Dazu kommt eine Kombination aus Bulldozer-Aktionismus und blindem Gehorsam: einfach durchregieren, ohne Rücksicht auf Verluste. Mal schauen, was übrig bleibt. Wer nicht gehorcht, wird bestraft – und aus der „schönen neuen Gesellschaft“ verbannt.
Das einzig Tröstliche: Die Halbwertszeit solcher Systeme ist begrenzt. Irgendwann platzt die Blase – allerdings meist mit einem großen Knall, der viele Opfer zurücklässt.
So weit dürfen wir es nicht kommen lassen.
Lethargokratie, MAGA-Manie – das ist doch große Politik. Wir führen doch „nur“ Teams und Unternehmen. Da sind wir doch machtlos. Oder?
Ganz im Gegenteil.
Als Führungskräfte und Unternehmer gestalten wir einen zentralen Teil der Lebenszeit unserer Kolleginnen und Kollegen.
Die folgende Grafik zeigt, mit welchen Menschengruppen wir wie viele Stunden pro Tag verbringen. Gelb markiert ist die Zeit mit Kolleginnen und Kollegen – einer der größten Zeitblöcke im Leben.
🕒 Diese Zeit liegt in unserer Verantwortung.
Unser Job als Leader ist es, diese Zeit bestmöglich zu gestalten.
Das Ziel guter Führung?
Bodo Janssen, Geschäftsführer der Hotelkette Upstalsboom, bringt es in seinem Buch „Das neue Führen““ auf den Punkt:
„Sinn- und menschenorientierte Führung erkennen wir an Mitarbeitenden, die abends aufrechter nach Hause gehen, als sie morgens gekommen sind.“
BodoJanssen
Menschen aufrichten. Menschen ins Wachstum bringen.
Dafür stehen wir morgens auf. Und wenn uns das gelingt, schaffen wir die Basisfür eine gesunde Kultur – in unseren Unternehmen und weit darüber hinaus.
Dann helfen wir Menschen, für sich selbst einzustehen.
Mutig. Kraftvoll. Gestaltend.
Und damit verändern wir die Welt.
Nein, wir können Menschen nicht einfach „glücklich machen“. Das steht nicht in unserer Macht.
Aber wir können Rahmenbedingungen schaffen, in denen Glück, Sinn und Wachstum möglich sind. Unser Hebel: Orientierung geben und eine Kultur des Wachstums schaffen:
Eine Wachstumskultur ist eine Kultur, die Raum für individuelles Wachstum schafft und damit das ganze Team und unsere Unternehmen über sich hinauswachsen lässt.
Auf dem Weg dorthin brauchen wir einen Kompass. Und dieser Führungs-Kompass hat zwei wesentliche Komponenten:
Als ich vor vier Jahren mein Buch „Vom Gründer zum CEO“ geschrieben habe, stellte ich mir die Frage:
Welche Tugenden brauchen wir, um eine echte Wachstumskultur zu schaffen?
Ich habe viele Bücher und Studien analysiert – immer mit einer klaren Leitfrage: Welche Haltungen zeichnen Unternehmen aus, die echtes Wachstum ermöglichen?
Am Ende haben sich acht Tugenden einer Wachstumskultur herauskristallisiert. Sie sind unser Kompass – für eine Kultur, die Menschen, Teams und Unternehmen über sich hinauswachsen lässt.
Im Norden zeigt der Kompass auf den Großen Traum – und auf die Tugend:
Gute Wachstumskulturen haben immer einen großen Traum, eine Vision, eine Mission – ihren Nordstern.
Zum Leben erweckt wird dieser Traum durch die Demütige Ambition: Nach den Sternen greifen – und gleichzeitig wissen, wie schwer das ist. Verstehen, dass wir es nur gemeinsam schaffen können.
Demütige Ambition ist das perfekte Gegengift zu Mutlosigkeit und Selbstüberschätzung.
Im Süden steht das Wachstumsmindset - und die Tugend:
Die demütige Ambition weist den Weg in die Zukunft. Mit dem Konstanten Lernen lernen wir aus der Vergangenheit und wachsen über uns hinaus. Persönliches und organisatorisches Wachstum entsteht nur durch Lernen – besonders aus Fehlern. Lernen erfordert Vertrauen in die eigene Entwicklung und klugen Umgang mit Wissen.
Dort, wo konstantes Lernen gelebt wird, haben Resignation und Ignoranz keinen Platz.
Die 3 Tugenden im Westen des Kompasses prägen unser Offenes Herz – sie stehen für die Menschlichkeit der Führung.
Wir begegnen uns mit Respekt und Wertschätzung. Echte Wertschätzung bedeutet, Menschen mit Mitgefühl und Respekt zu begegnen. Respektbasiert auf Fairness und echter Augenhöhe. Leistungen und Erfolge werden anerkannt und gefeiert.
Diese Tugend ist das Gegengift zu Gleichgültigkeit und Demütigung.
Wir fühlen uns quer über das Unternehmen hinweg verbunden, statt Verbundenheit nur innerhalb unserer engeren Teams und Silos zu erfahren. Unser tiefes gegenseitiges Vertrauen fördert Risikobereitschaft und Innovation und schafft damit ein unterstützendes Umfeld für Wachstum.
Tiefe Verbundenheit ist damit das perfekte Gegengift zur Zerstrittenheit und Feindbildern.
Wachstumskulturen sind vielfältig – kulturell, aber vorallem in ihrer Diversity of Mindset. Die Unterschiedlichkeit wird als Bereicherung erlebt, weil sie uns zu klugen Entscheidungen bringt. Authentisch ist diese Vielfalt, weil sie aus dem tiefen Herzen gelebt wird. Es geht nicht darum irgendwelche Quoten zu erfüllen - die in dem Moment aufgegeben werden, indem der äußere Druck wegfällt.
Wo Authentische Vielfalt gelebt wird, ist kein Platz für das übermäßige Verfolgen von Partialinteresse und Dominanzkultur.
Die drei Tugenden im Osten sind unser Starker Rücken und stehen für Tatkraft und Performance.
Wir stellen uns schonungslos der Realität. Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz prägen unsere Zusammenarbeit und Kommunikation. Feedback hat einen festen Platz im Alltag. Getragen von Mut und Klugheit werden Probleme offen adressiert und schnell gelöst.
Radikale Aufrichtigkeit ist das Gegengift zu Verdrängung und Fake News.
In unseren Organisationen übernehmen wir konsequent Verantwortung für unser Handeln. Wir ermutigen Menschen und Teams Verantwortung zu übernehmen und sich der Rechenschaft zu stellen. Mit bestem Resultat: Menschen, denen vielzugetraut wird, leisten auch viel.
Diese Tugend ist das Gegengift zu Schuldzuweisungen und blindem Gehorsam.
Eine Sache, richtig gemacht! Wir arbeiten diszipliniert und fokussiert. Wenige, klare Prioritäten werden systematisch und ergebnisorientiert abgearbeitet. Damit sind wir schneller als Unternehmen, die alles gleichzeitig machen und nichts zu Ende bringen.
Disziplinierter Fokus verdrängt Prokrastination und Bulldozer-Aktionismus.
Damit ist der Kompass komplett:
Das eine funktioniert nicht ohne das andere:
Ohne Lernen keine Zukunft. Ohne Hoffnung auf Zukunft kein Lernen.
Und nur dort, wo Menschlichkeit und Tatkraft zusammenkommen, entsteht echtes Wachstum. Wer sich gesehen fühlt, zeigt Mut. Wer selbstwirksam ist, wird offen für andere Menschen.
Zusammen sind die 8 Tugenden sind das Gegengift zur Lethargokratie und MAGA-Manie.
Sie entsprechen der aristotelischen Idee von Tugend: Die goldene Mitte – jenseits von Übermaß und Mangel. Eine Mitte, die den Riss in unserer Gesellschaft heilt.
Lass uns gemeinsam eine solche Kultur gestalten: Eine Kultur, die Menschen aufrichtet und in der Wachstum möglich wird – individuell, im Team, im Unternehmen. Denn jede große Veränderung beginnt im Kleinen.
In unseren Familien.
In unseren Teams.
In unserer Führung.
Schaffe eine Wachstumskultur. Eine starke Wachstumskultur ist der Nährboden für High Performance. Sie lässt jeden einzelnen, euer Team und euer Unternehmen über sich hinauswachsen.